Auf einer Liste der Top 10 der wohl überflüssigsten Dinge der Welt würde ich eine fette Erkältung bei 30 Grad Außentemperatur ganz weit vorne platzieren. War es eine Nebenwirkung des Kapuzinerkressekraut-Meerrettichwurzelextraktes? Oder eine Art Übersprungshandlung des Gehirns um das Fehlen jeglichen Bedürfnisses nach alkoholischen Getränken zu kompensieren? Vermutlich wird das nie zu klären sein. Jedenfalls liegt neben mir jetzt eine lose Folge von handgeschriebenen Verkostungsnotizen und vor mir die Frage, welche ich mir als erste schnappe und zu einem hoffentlich anregenden, genussvollen und Lust auf Wein weckenden Text verwandele … Besser spät als nie, Santé – heute mal virtuell!
Meine erste Assoziation ist Traubensaft. Wohlgemerkt, richtig guter Traubensaft, aber von Alkohol NOCH keine Spur, zumindest nicht in der Nase. Am Glasrand setzen sich kleinste Kohlensäurebläschen ab. Der Kandidat ist noch jung und das versteckt er nicht. Leicht perlend legt er sich auf die Zunge, kitzelt am Gaumen, als ob er sagen wollte:“Hey, spiel mit mir!“ Und dann wird er ganz plötzlich ganz schnell erwachsen im Glas. Pflaume, Kräuter und dann auch dieser typische zartsüße Geschmack nach Erdbeere und Himbeere, der mich immer an die zuckerüberzogenen Drops aus den goldfarbenen runden Blechdosen erinnert, die unsere Väter bei langen Urlaubsfahrten aus dem Handschuhfach holten. Ein toller Wein für jeden Tag – Chapeau Herr Naab! Und das für unter 10 Euro.
Nach dem Jungspund kommt jetzt der Erwachsene. Noch nicht alt, aber doch schon reifer. Die Erfahrungen haben ihn reicher gemacht an Facetten, spannender. Auch er moussiert – ganz ganz leicht, fast unsichbar. Von Perlage – und sei sie noch so fein – keine Spur. Eine vielschichtige Nase hat der Fürst: Confit, Schattenmorelle, Zitrusnoten und einen Hauch Borkenschokolade. „Der Wein riecht deutlich nach schönen Frauen“ – konstatiert der heutige – männliche – Gast unserer Frauenrunde.
Was für ein Kompliment für den Wein UND den Winzer! Der Frauenheld ist raumgreifend. Er macht sich breit – hinten zwischen Kehle und Hals. Da ist ein Hauch Waldmeister. Ganz kurz nur, wie eine Brise, dann ist die Nuance wieder verschwunden. Pfeffrig schmeckt der Wein, würzig. Da sind sie, die dunklen Kräuter. Und – klingt furchtbar, schmeckt aber toll – ein Hauch Schmieröl, ein leicht metallisch-pelziges Aroma, das den Geschmack des Weines trägt und in jeden Winkel des Mundes verteilt. Ein Wein, der das überstrapazierte Attribut „vielschichtig“ ehrlich verdient hat.
http://www.weingut-rudolf-fuerst.de/
Dieser Wein ist ganz anders als seine zwei deutschen Vorgänger. Fangen wir bei der Farbe an: statt rubinrot und fast durchsichtig ist dieser dicht und ölig. Kirchenfenster zeigen sich am Glasrand. Die Nase lässt sich Zeit und ist so wie die Farbe – gewaltig. Moosig, torfig fast, animalisch, ein Wein, der nach Wald riecht. Aber wo ist die Frucht? Keine Erdbeere, keine Heidelbeere. Dagegen diese leichte irritierende Bitternote, der Wein schmeckt verbrannt. Das sollte so nicht sein.
Leider – leider – gibt es keine zweite Flasche. Ob der Gaucho vom Ende der Welt eine Chance gegen den Teeie aus der Pfalz und den Adeligen aus Franken gehabt hätte? Finden wir’s raus … to be contiued …
http://www.bodegadelfindelmundo.com/nuestros-vinos.html


Ich bin begeistert von diesem Blog. Hoch lebe der Hedonismus!
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